Der Öffentliche Gesundheitsdienst in den Jahren 1933 bis 1945

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) entstand in der Zeit des Nationalsozialismus primär als Selektionsapparat im Rahmen einer rassistischen, menschenverachtenden Biopolitik, die die Tradition sozialmedizinischer Prinzipien und einer am Wohl des Einzelnen orientierten Gesundheitsfürsorge und -vorsorge nachhaltig vernichtete. Das Reichsgesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens von 1934 (GVG) mit seinen drei Durchführungsverordnungen wirkte auch ohne die 1945 entfernte „Erb- und Rassenpflege“ nicht nur als Organisationsrahmen, sondern auch inhaltlich prägend auf Strukturen und Aufgabenfelder des ÖGD der Bundesrepublik Deutschland bis ins 21. Jahrhunderts. Erst 2006 setzte der Bundestag das Gesetz außer Kraft (link 1).

In den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Bundesrepublik war es offenbar den damals tonangebenden Amtsärzten im ÖGD nicht möglich, über die Beteiligung am NS-Unrecht öffentlich zu reflektieren. Seit etwa 15 Jahren beschäftigt diese bisher so wenig aufgearbeitete unselige Vergangenheit des ÖGDs viele Amtsärztinnen und Amtsärzte. Deshalb setzte der geschäftsführende Vorstand des BVÖGD in 2013 die Arbeitsgruppe „Der Öffentliche Gesundheitsdienst in der Zeit des Nationalsozialismus“ zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des ÖGD ein. Der Auftrag lautete, ein medizinhistorisches Projekt zu initiieren, das die Rolle des ÖGD im Nationalsozialismus näher erhellt.

Nach einer beschränkten Ausschreibung beauftragte der geschäftsführende Bundesvorstand des BVÖGD in  2014 das Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité Berlin, vertreten durch Prof. Dr. Sabine Schleiermacher, mit der Umsetzung des Forschungsprojektes.

Nachdem sich bereits das Robert-Koch-Institut mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) intensiv mit der eigenen Rolle in der NS-Zeit befasst hat, begrüßte das BMG die Initiative des BVÖGD mit der Gründung der Arbeitsgruppe ausdrücklich. Daher gewährte das BMG großzügige Fördermittel für die Studie. Das Land Baden-Württemberg und der BVÖGD beteiligten entsprechend sich an der finanziellen Förderung.

Sukzessive erfolgt mittlerweile von immer mehr Behörden auf Bundes- und Landesebene eine Aufarbeitung der eigenen NS-Vergangenheit. Dies ist für viele kommunale Gesundheitsämter aufgrund häufig mehrerer Gebietsreformen in den letzten Jahrzehnten und oftmals noch dezentraler Aktenaufbewahrung ungleich schwerer. Gleichwohl ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit dringend notwendig, da das damalige Verhalten des ÖGDs eine gewaltige Zäsur für Sozialmedizin und Public Health in Deutschland zeitigte.

Als Auftakt zu dem medizinhistorischen Projekt organisierte die Arbeitsgruppe eine Vorkonferenz zum 63. Wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD im April 2013 in Berlin (link 2) Dieses Symposium war dem eigentlichen Bundeskongress vorgeschaltet und zeitigte neben hohem Besucherinteresse auch eine positive Resonanz im Deutschen Ärzteblatt (link 3)

Im Januar 2015 begann die konkrete Projektarbeit und wurde Ende 2016 abgeschlossen. Die Forschungen konzentrierten sich auf die beiden damaligen Länder Thüringen und Württemberg. In diesen beiden Regionen arbeiteten die Historiker das Wirken der einzelnen administrativen Strukturen in der damaligen Gesundheitsverwaltung heraus. Das Augenmerk galt dabei insbesondere der konkreten Umsetzung der nationalsozialistischen „Erb- und Rassenpflege“ in der unteren Verwaltungsebene, den neu gegründeten Gesundheitsämtern unter staatlicher Kontrolle.

Auf dem Kongress 67. Wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD „Gesundheit für Alle“ im Mai 2017 in München, stellten Prof. Sabine Schleiermacher und Sven Kinas vom Institut für Geschichte der Medizin der Charité Berlin, die Ergebnisse des Forschungsprojektes vor (link 4).

Der geschäftsführende Vorstand des BVÖGD nahm diese Forschungsergebnisse zum Anlass, um in einer Erklärung eindeutig Stellung zur NS- Vergangenheit des ÖGDs zu beziehen und betonte die daraus resultierende Verantwortung des ÖGDs für die Zukunft (link 5).

 

Verlinkungen und PDF-Dateien folgen.